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Der Buchtipp von Werner Ladwig

Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013.

Meisterhaft und mit viel Humor beschreibt und erklärt Bastian Sick auch in seinem fünften Band aus der Reihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ Besonderheiten und Eigenarten der deutschen Sprache. Das gelingt ihm auch deshalb so erfolgreich, weil er nicht streng belehrend oder gar weltfremd daherkommt.

Sick begreift die Auseinandersetzung mit unserer Sprache nicht als Abgrenzung zu anderen Sprachen, vielmehr deckt er mit spielerischer Leichtigkeit allerlei Ungereimtheiten auf, wenn wir beispielsweise bedenkenlos englische Ausdrücke zuhauf ins Deutsche übernehmen.

Die deutsche Sprache scheint an Anglizismen fast zu ersticken. Dagegen wehrt sich Bastian Sick und fordert zur Umkehr auf, nicht aus Arroganz, sondern aus Liebe zur eigenen Sprache. Ein herzerfrischendes Buch zum Thema „deutsche Sprache“, in dem keine Langeweile aufkommt!

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags Kiepenheuer & Witsch haben wir für Sie aus diesem Buch einen Auszug aus dem Kapitel „Neue Wörter braucht das Land“ abgedruckt.

Neue Wörter braucht das Land

Der Deutsche macht Ausflüge, hält Abstand, nutzt den Augenblick und lebt mit Leidenschaft. Und damit er das kann, mussten all diese Wörter erst mal erfunden werden. Bis dahin machte man Exkursionen, hielt Distanz, nutzte den Moment und lebte mit Passion.

Sagt Ihnen der Name Philipp von Zesen etwas? Wenn Sie den Kopf schütteln, dann wundert es mich nicht, denn dieser Philipp von Zesen ist den wenigsten ein Begriff. Dabei war er ein bedeutender Mann! Wenn ich ihm begegnet wäre, hätte ich meinen Hut vor ihm gezogen. Zwar habe ich gar keinen Hut, aber im 17. Jahrhundert hätte ich bestimmt einen getragen. Da nämlich lebte Philipp von Zesen. Oder Ritterhold von Blauen, wie er sich auch nannte. Das war sein Pseudonym.

Er war Schriftsteller und Kirchenlieddichter und als solcher von mäßigem Glanz. Überragend waren seine Leistungen auf anderem Gebiet: Philipp von Zesen war ein genialer Erfinder! Allerdings hat er keine Maschinen oder Flugapparate erfunden, sondern etwas anderes, etwas, das die Deutschen mindestens ebenso nötig brauchten wie technischen Fortschritt: Wörter. Deutsche Wörter, die es bis dato noch nicht gab – und die heute aus unserer Sprache gar nicht mehr wegzudenken sind. Scheinbar simple Wörter wie „Abstand“ und „Anschrift“. Die gab es vor Philipp von Zesen noch nicht. Man kannte nur die lateinischen Wörter „Distanz“ und „Adresse“. Philipp von Zesen verdanken wir ferner das Wort „Augenblick“ (für den lateinischen „Moment“), die „Bücherei“ (neben der „Bibliothek“), den „Kreislauf“ (für die „Zirkulation“) und den „Entwurf“ (für das „Projekt“). Den lateinischen „Autor“ machte er zum „Verfasser“, den „Parvenue“ zum „Emporkömmling“ und die „Passion“ zur „Leidenschaft“. Kaum zu glauben: Vor Philipp von Zesen kannten die Deutschen keine Leidenschaft! Wie trostlos muss es da gewesen sein! Ohne Philipp von Zesen hätten wir außerdem kein Weltall, sondern nur ein Universum, keine Mundarten, sondern nur Dialekte, kein Glaubensbekenntnis, sondern nur ein Credo, und keinen Freistaat, sondern nur die Republik.

Einige seiner Vorschläge haben sich allerdings nicht durchsetzen können. Für die „Pistole“ (aus tschechisch „pistala“) ersann er das kuriose Wort „Meuchelpuffer“, und das Fenster (das ja lateinischen Ursprungs ist: „fenestra“) sollte durch das Wort „Tageleuchter“ ersetzt werden.

Aus „Elektrizität“ erzeugte er das phänomenale Wort „Blitzfeuererregung“, und den „Harem“ wollte er zum „Weiberhof“ machen. (Das wäre spätestens von der Emanzipation wieder kassiert worden.) Eine seiner kuriosesten Schöpfungen liegt noch immer im ungeöffneten Sarkophag der Sprachgeschichte: Für das ägyptisch-arabische Wort „Mumie“ ersann er das deutsche Wort „Dörrleiche“. Die Filmgeschichte wäre mit Titeln wie „Der Fluch der Dörrleiche“ oder „Die Dörrleiche kehrt zurück“ sicherlich anders verlaufen!

Von eingeschränktem Erfolg war seine Wortschöpfung für das „Komma“: Der „Beistrich“ ist allenfalls in Österreich bekannt. Dafür wurde sein Vorschlag für die Eindeutschung des griechischen Wortes „Orthographie“ ein Knüller: Philipp von Zesen prägte das Wort „Rechtschreibung“. Allein dafür sollte ihm ein Monument errichtet werden. Oder besser: eine Gedenksäule.

In Hamburg, wo Philipp von Zesen über vierzig Jahre seines Lebens verbrachte und 1689 starb, gibt es immerhin eine Zesenstraße. Aber es gibt in ganz Deutschland nicht eine einzige Schule, die nach Philipp von Zesen benannt wäre. Dafür gibt es in Berlin ein John-Lennon-Gymnasium.

Der wortschöpferische Geist Philipp von Zesens lebt zum Glück noch heute fort, zum Beispiel in der von der Stiftung Deutsche Sprache ins Leben gerufenen „Aktion lebendiges Deutsch“. Mit dem Unterschied, dass die Anstrengungen der heutigen Erfinder sich nicht gegen lateinische, arabische oder französische Fremdwörter richten, sondern gegen englische. Und davon gibt es, wie wir alle wissen, inzwischen mehr als genug in unserer Sprache.

Viele der Vorschläge dieser „Aktion lebendiges Deutsch“ muten im ersten Augenblick seltsam an, aber das taten Philipp von Zesens Vorschläge seinerzeit genauso. Es ist letztlich alles nur eine Frage der Gewöhnung. Man kann sich mit den englischen Begriffen abfinden, aber man kann auch das Wagnis eingehen, sich auf neue deutsche Wörter einzulassen. Warum nicht? Die Zukunft wird entscheiden, was davon zu gebrauchen ist und was nicht. Denken Sie mal über den Vorschlag nach, statt „Airbag“ das Wort „Prallkissen“ zu verwenden. Oder anstelle von Standby „Standstrom“. Probieren Sie statt „Fastfood“ einmal „Schnellkost“ und anstelle von „Timing“ das Wort „Zeitwahl“. Ein „Jackpot“ könnte „Glückstopf“ heißen, für „Display“ kann man „Sichtfeld“ sagen und für „No-go-Area“ kurz, bündig und selbsterklärend: „Meidezone“.

Das Verrückte ist ja, dass es für viele englische Wörter schon längst deutsche Entsprechungen gab. Die gerieten nur in Vergessenheit – weil sie nicht „hip“ oder „trendy“ waren. Zum „Blockbuster“ sagte man früher „Straßenfeger“, ein „Global Player“ war ein „Weltkonzern“, und wer eine Sache „toppen“ wollte, der konnte versuchen, sie zu „übertreffen“. Die „Headline“ war früher eine „Schlagzeile“ und der „Contest“ ein „Wettbewerb“. Zum „Service Point“ sagte man „Auskunft“, und der „Counter“ war ein „Schalter“. Eigentlich ganz einfach. Selbst für den lästigen „Stalker“ gab es schon das griffige Wort „Nachsteller“. Man hätte es gar nicht auf Englisch nachstellen müssen.

Als in den neunziger Jahren das Wort „Laptop“ aufkam, wusste ich gar nicht, was das eigentlich bedeutet. Anfangs habe ich es auch falsch geschrieben, nämlich mit einem „b“, weil ich mir einbildete, es hätte etwas mit „Labora“, also mit Arbeit zu tun. „Lap“ mit „p“ ist aber das englische Wort für den Schoß, und „Top“ – nun, das bedeutet Spitze, Oberteil, Aufsatz. Ein Laptop ist also – wörtlich übersetzt – ein Schoßaufsatz. Wenn man sich das einmal klargemacht hat, kann man das Wort Laptop kaum noch ernst nehmen. Die Briten und Amerikaner sagen deshalb auch lieber „Notebook“ dazu. Aber unter einem „Notizbuch“ verstehen die Deutschen etwas anderes. Die „Aktion lebendiges Deutsch“ macht sich daher für ein anderes Wort stark, das der Funktion des Gerätes viel eher gerecht wird: Klapprechner. Und klappt man ihn zu, dann läuft er mit Standstrom. Alles, was man braucht, ist ein bisschen Vorstellungskraft – den Rest besorgt die Gewöhnung.
Wenn man mich fragt, ob ich glaube, dass sich das Deutsche auf lange Sicht neben der Übermacht des Englischen behaupten kann, erwidere ich: Und ob! Ich selbst bin übrigens auch ein Klapprechner: Ich rechne fest damit, dass es klappt!

(c) Bastian Sick 2011








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