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"Heimat Deine Sterne

… sie strahlen mir auch am fernen Ort. Was sie sagen, deute ich ja so gerne, als der Liebe zärtliches Losungswort. … in der Ferne träum ich vom Heimatland!“

Dieses Lied hörten wir in den Kriegsjahren 1941/1942 aus den Volksempfängern jeden Sonntagnachmittag in der Radiosendung „Wunschkonzert“. In dieser Sendung, die sehr beliebt und bekannt war, grüßten Soldaten aus verschiedenen Frontabschnitten namentlich ihre Angehörigen daheim. Trotz dieser fröhlichen und heiteren Sendung, bei der auch bekannte Schlager und Volkslieder gewünscht und mitgesungen wurden, fiel mir auf, dass einige Zuhörer nur mit großer Mühe die Tränen zurückhalten konnten.

Der Grund dafür war, dass der unselige Krieg bis dahin schon viele Opfer daheim bei Bombenangriffen und draußen an der Front gefordert hatte. Dadurch ist mir die Entdeckung des Gefühls „Heimat“ zum ersten Mal als Kind und Jugendliche bewusst geworden; verbunden mit großem Schmerz, Trauer und Wehmut!

Ich verbrachte meine Kindheit behütet von wunderbaren Eltern in meiner Heimatstadt, dem für mich damals wunderschönen Bärmesens (!). Erst als ich dann in die Lehrerbildungsanstalt Speyer mit dem dazugehörigen Internat eintrat und ich Pirmasens für einige Zeit verlassen musste, vergoss ich bittere Heimwehtränen, nicht nur nach meinen Angehörigen, sondern besonders auch nach meinem Heimatort Pirmasens.

Ein vollkommen anderes Stück meines Heimatgefühls ging nach dem Ende des unseligen, grauenvollen Krieges verloren.

Wir Jugendlichen waren bis dahin zuversichtlich, hatten den festen Glauben und die starke Hoffnung, dass es sich lohnt, für unsere schöne Heimat, unser Vaterland und für unsere Zukunft große und schwere Opfer zu bringen.

Nach dem Zusammenbruch 1945 hatte ich etwas verloren, mit dem ich mich identifizieren konnte, ein Volk, ein Land, in dem ich mich zu Hause fühlte, das mir Sicherheit bot und in dem ich mein künftiges Leben aufbauen konnte.

Auch der Untergang meiner geliebten Heimatstadt Pirmasens, die durch zwei schwere Bombenangriffe (1944/1945) zu ¾ zerstört wurde, war für mich bitterer Heimatverlust. Den letzten schweren Luftangriff erlebte ich als Kind im Keller unseres Hauses. Das an unser Haus angrenzende Nachbarhaus wurde bei diesem Angriff total zusammen gebombt; die darin lebenden Menschen -unsere nächsten Nachbarn- waren alle sofort tot. Die Angst und der Schrecken aus diesen miterlebten Bombennächten haben mich ein Leben lang begleitet; denn psychologische Beratung und Hilfe gab es damals nicht, der Krieg ging erbarmungslos weiter über uns hinweg.

In den folgenden Jahren nach dem Krieg gelang es den „Schlabbeflickern“ in ihrer bekannt herben, engagierten Art durch tatkräftiges gemeinsames Anpacken, aus dem Trümmerfeld eine blühende Schuhstadt zu machen. Ich war sehr stolz und glücklich, in diesem für mich liebenswerten Pirmasens zu leben; in einer schönen, kultivierten Zwickerstadt.

Meine Heimat bestand für mich bis dahin aus meiner Heimatstadt Pirmasens, der Region Pfalz, aus der Zugehörigkeit zu einem Volk und meinem Vaterland Deutschland.

Deutschsein bestand darin, die alten Bräuche anzuerkennen, die alten vertrauten Lieder zu singen, die alten Gedichte zu zitieren und uns über Werte und Klassiker zu freuen. Solche Aussagen und Gedanken klingen heute merkwürdig und verdächtig!

Mit der Definition des heutigen Heimatgefühls habe ich große Schwierigkeiten, denn vielen Menschen in Deutschland ist die geografische Heimat nicht mehr gegeben. So musste ein großer Teil unserer Bevölkerung seine Heimat im zweiten Weltkrieg durch Flucht, Vertreibung und politische Vergangenheit verlassen. Diese Menschen berichten von einer lebenslang andauernden schmerzhaften Sehnsucht nach der verlorenen Heimat; sie hatten die Anbindung an ihre Wurzeln verloren. Heute spricht man von einer neuen mobilen Arbeitsgesellschaft. Viele gehen für einige Zeit ins Ausland oder sie ziehen von Stadt zu Stadt, immer dem besseren Job hinterher.

Mir ist eine Reportage vor einigen Jahren in Erinnerung, in der junge Soldaten bei ihrer Vereidigung gefragt wurden, ob sie nun bereit wären, ihre Heimat, ihr Land zu beschützen und zu verteidigen. 60 Prozent der Befragten konnten mit dem Begriff Heimat nichts anfangen, die anderen antworteten zögerlich, dass sie an erster Stelle Europäer und Weltbürger seien. Diese Aussagen befremdeten mich!

Heute haben die Jugendlichen das große Glück, durch Schüleraustausch und andere Projekte die jungen Leute anderer Länder früh kennen, verstehen und lieben zu lernen. Wir, in unserer Generation, durften die Menschen anderer Länder in Europa und in der Welt erst nach dem verlorenen Krieg kennen lernen; das hat uns lange belastet und geschadet. Schlimmer war jedoch für uns, dass die Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit unsere Jugend, unsere Schulausbildung, unsere Berufswahl und unseren Start ins Leben negativ und sehr schmerzhaft geprägt hat!

Nicht nur die einzelnen Staaten auf der Welt können eine Heimat sein; viele Menschen finden in den Religionsgemeinschaften und in der Weltkirche ein Zuhause du ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Ich setze meine ganze Hoffnung auf das Oberhaupt der katholischen Kirche, unseren Papst „Franziskus“. Ihm traue ich zu, dass er durch seine einfache, menschliche und ehrliche Art uns den wahren, für mich oft unergründlichen und unerklärbaren Gott näherbringt, ohne dessen Hilfe und Segen wir auf dieser Welt keine Heimat finden.

Wie können wir die auf uns zukommenden gewaltigen Flüchtlingsströme bewältigen, ihnen bei uns wirkliche Heimat geben? Dies ist eine riesige verantwortungsvolle Aufgabe, wenn überhaupt, dann können nur offene Arme und kulturelle Dolmetscher dabei helfen. Es macht mich todtraurig und zugleich wütend, dass das ganze Elend und der ganze Jammer dieser „Kriegspest“ -wieder wie im letzten Weltkrieg- zum größten Teil von heulenden Müttern und schreienden Kindern ge- und ertragen werden muss.

Heimat ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Wer keine Heimat hat, die er liebt, hat keinen Boden unter den Füßen. Eine geografische äußere Heimat im traditionellen Sinn wird es heute nicht mehr geben; unser Heimatgefühl und –begriff hat sich grundlegend geändert.

Vertrautheit, Halt, Zugehörigkeit und Angenommensein muss künftig in unserem Innern zu finden sein. Eine äußere Heimat, um die wir uns bemühen müssen, soll dies unterstützen. Der Weg zur tieferen Heimat in unserem Herzen wird ein langer innerer Prozess sein, denn Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl!

Gestatten Sie mir zum Schluss einen „Altersbonus“ – ich bin 1928 geboren – mit einem Ausspruch aus dem für mich bisher gültigen Heimat-Begriff:

„Deutschland, wenn dich das Elend umnachtet,
wir haben dich lieb
wie nur je zuvor;
ein Schelm, wer seine Mutter verachtet,
weil sie Glanz und Reichtum
in Not verlor!“

(aus den Freiheitskriegen)

Ich würde gerne das Wort Deutschland gegen Bärmesens austauschen! Danke!





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