Über Gefühle spricht man nicht

Über die eigenen Gefühle zu sprechen, fällt den meisten alten Menschen schwer. Zu sehr ist diese Generation geprägt von ihrer Erziehung zur Härte und den Erlebnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit mit der Sorge und dem Kampf ums Überleben. Gefühle wurden weitgehend unterdrückt, man ging zur Tagesordnung über und musste seine Pflicht tun. Die individuellen Erfahrungen von Grauen, Leid und Entbehrungen, die kaum von jemand anderem nachvollzogen werden können, haben tiefe Einschnitte hinterlassen und ihr Leben bis heute geprägt.

Beim Wiederaufbau einer neuen Existenz bestimmten Leistung und Disziplin den Alltag und Erfolg. Zeit und Raum, um sich mit dem Erlebten auseinander zu setzen und es zu verarbeiten, gab es da nicht. Bald konnten zwar bescheidene Ansprüche an die Lebensqualität erfüllt werden, Träume und Wünsche aber wurden bei den meisten auf später verschoben. So hat diese Generation Schritt für Schritt hart für den Wohlstand gearbeitet und gespart, der allen heute so selbstverständlich ist. Derart geprägt, haben sich viele bis heute nur zögerlich darauf einlassen können, für sich selbst die Früchte ihrer Lebensleistung zu genießen und ihre Träume und Wünsche zu beleben. Dazu müssen sie oft bitter erkennen, dass alles seine Zeit hatte.

Wenn alte Menschen heute von ihren Leistungen sprechen, wird das von den jüngeren nicht gerne gehört und löst oft Gegenbewegungen aus. Dieser Kriegs-Generation, die um ihre Kindheit, ihre Jugend oder als Erwachsene betrogen worden ist, kann man die verlorenen Jahre nicht ausgleichen. Aber ihren Anspruch auf eine ihrer Lebensleistung angemessene Lebensqualität darf aus diesem Grund weder von der Gesellschaft noch von der Politik zur Diskussion und in Frage gestellt werden. Denn auch wenn die Stimmen aus den Reihen dieser Generation nicht so laut tönen wie die der Nachgeborenen, lösen die Debatten und Polarisierungen bei den alten Menschen tiefgreifende Gefühle aus: Neidische Kritik, wenn sie sich im Alter wirklich ein wenig Luxus oder Reisen gönnen, verletzt sie.

Um die Sorgen und die Konkurrenz der Jungen um den Platz an der Sonne und ihre vielfältigen Probleme wissen sie sehr wohl helfen, wenn es ihnen möglich ist und könnten dazu manches sagen.

Sie leiden unter der Entfremdung zwischen den Generationen, wo es um Kosten und Nutzen geht und die Menschen auf der Strecke bleiben. Viele fühlen sich nicht mehr sicher an ihrem Platz in dieser Gesellschaft. Sie machen sich Sorgen, dass sie ihre Lebensqualität, für die sie ein Leben lang gearbeitet haben, nicht mehr finanzieren können, weil ihr erspartes Guthaben neu umverteilt wird aus Gründen, die sie nicht zu verantworten haben.

Sie haben schwerste Zeiten überstanden und ihre Herausforderungen gemeistert – aber so vieles, was heute geschieht, können sie nicht verstehen. Das macht vielen Angst. Wer mag da wohl hinhören und darüber nachdenken?

Es ist Zeit, etwas zu ändern:
Miteinander reden.
Einander Zuhören.
Voneinander mehr wissen.
Und über die eigenen Gefühle sprechen. Laut und deutlich!