Ich zog meinen Rucksack aus dem Transporter, schulterte ihn und gesellte mich zu der Gruppe. Rolf, unser Gruppenleiter schaute in die Runde und schmunzelte. Kleine Fältchen legten sich wie ein Fächer um seine blauen Augen. »Heute geht es um das Thema: Zeit, etwas zu wagen und um Vertrauen.«
Mir wurde mulmig. »Oh je, was kommt da auf uns zu?«, flüsterte ich Jasmin zu.
Sie sah mich an, zuckte mit den Schultern und grinste nur.
Die Leichtigkeit der Jugend ging mir durch den Sinn. In unserer Gruppe war ich die Älteste. Nun, es lag an mir, zu zeigen, dass man mit über fünfzig auch noch fit sein konnte. Schließlich bewanderte ich seit Jahren den Pfälzer Wald. Wir folgten einem Weg am Straßenrand entlang, bis er in einen Waldpfad mündete. Kühle, erdige Luft schlug mir entgegen. Es ging gleich steil bergauf. Jasmin und ich bildeten kurzer Zeit später die Schlusslichter. So viel zu meiner wandererprobten Fitness. Die anderen marschierten mit raschem Schritt bergan.
Ich stöhnte. »Hätte ich nur zehn Kilo weniger, würde ich auch vorne mitlaufen.«
Jasmins Gesicht war hochrot, und um meines stand es sicher nicht besser. Sie blies sich eine vorwitzige dunkle Haarsträhne aus den Augen. »Tröste dich, ich konnte das noch nie. Ich war schon immer dick und habe mich längst daran gewöhnt die Letzte zu sein. Ist ja auch egal, ich habe Spaß und außerdem ist es nicht wichtig ob man ein paar Minuten früher oder später ans Ziel kommt.« Nach zwei tiefen Atemzügen zeigte sie auf die jungen Männer vor uns. »Jetzt weiß ich, worum es heute geht. Wir sollen wohl darauf vertrauen, dass die uns nicht davonrennen.«
Der Pfad mündete in einen ebenen Weg und wir schlossen zu den anderen auf. Eine Weile wanderten wir durch einen dichten Mischwald, bis Rolf stehen blieb und auf eine unbestimmte Stelle im Dickicht deutete. »Hier gehen wir rein.« Er stapfte querfeldein zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch. Das Laub raschelte, und Äste knackten unter unseren Füßen.
Dann blieben alle stehen. Ich sah sie zuerst nicht – die Bretterwand. Sie erinnerte mich an einen Übungsplatz bei der Bundeswehr. Was sollte die hier, mitten im Wald?
Rolf klatschte in die Hände. »So, jeder von uns klettert über diese Wand. Natürlich helfen wir uns gegenseitig. Christian und Uwe, ihr stellt euch vor die Wand und helft beim Hochklettern. Gerd und Klaus helfen beim Absteigen. Ich springe jeweils für den ein, der selbst klettert. Fängst du an, Uwe?«
Ich schluckte. Wie um alles in der Welt sollte ich über diese hohe Wand kommen? Und dann die Hände der jungen Männer auf meinem Körper. Diese Nähe stellte ich mir äußerst unangenehm vor. Bei meinem Übergewicht müssten sie schieben und drücken. Ah ja, das war die Lösung! Ich würde die Übergewichtskarte spielen.
»Jasmin, kommst du?« Rolfs Stimme riss mich aus meinen Überlegungen.
Ohne zu zögern, ging Jasmin auf die Wand zu und schaffte es tatsächlich mit der Unterstützung der Jungs.
Mist. Meinen genialen Plan konnte ich vergessen. Da fiel mir ein: Ich hatte Rücken!
Rolf sah mich auffordernd an. »Jetzt bist du an der Reihe.«
»Das kann ich nicht. Ich habe Probleme mit dem Rücken. Wer weiß, was da passieren kann?«
Christian hob eine Hand. »Keine Angst, wir passen auf dich auf.«
»Vertrau ihnen«, sagte Rolf. »Jasmin hat es auch geschafft.«
»Nein, ich kann das nicht!« Ich drehte mich um und stapfte durch das Dickicht zurück auf den Weg. Deutlich spürte ich die Blicke der anderen in meinem Rücken.

Prima, nun stand blöd auf dem Weg herum. Unser Motto hatte ich wohl mehr als verfehlt. Eine unsägliche Wut über mich selbst kochte in mir hoch. Nichts wie weg hier. Ich könnte beim Startpunkt auf die Gruppe warten. Doch es war zu spät, stapfende Geräusche im Laub und knackende Äste kündigten an, dass sie gleich hier sein würde. Fröhlich schwatzend kamen sie auf mich zu. Schweigend und mit gesenktem Kopf reihte ich mich ein. Rolf, der Gruppenleiter verkündete, dass wir zu einer Burgruine wandern würden, und schloss zu mir auf. »Wie geht es dir?«
Ich atmete tief durch. »Nicht gut. Es ist ein mieses Gefühl, als Einzige gekniffen zu haben.«
»Kann ich mir vorstellen. Was würdest du tun, wenn wir noch einmal an eine Kletterwand kämen?«
»Ich würde es versuchen«, antwortete ich spontan.
Er hob einen Daumen. »Super, ich bin gespannt.«
Bei der Burgruine angekommen, versammelten wir uns auf einem Plateau mit einem herrlichen Ausblick. Die bewaldeten Berge schienen sich endlos aneinanderzureihen, als gäbe es dazwischen keine Zivilisation mehr. Rolf schloss eine Kiste auf, die an der Brüstung stand und kramte darin herum. Gurte und Seile kamen zum Vorschein. Was hatte er vor?
Eine Frau gesellte sich zu uns. »Hallo, ich bin Karo, die Kollegin von Rolf.« Ihre Augen blitzten unternehmungslustig in die Runde. Sie strich eine schwarze Locke aus der Stirn. »Wir seilen uns an der Mauer ab. Wer fängt an?«
Abseilen? Meine Kehle wurde eng. Gerd meldete sich als Erster. Kreidebleich, aber entschlossen schwang er die Beine über die Brüstung und arbeitete sich zögerlich, dann flüssiger die Mauer hinab. Wie wäre es, an seiner Stelle zu sein? Meine Güte, was für ein Gedanke. Nein! Unmöglich – das konnte ich nicht, oder? Aber noch einmal als Versager vor den anderen stehen?
Unten riss Gerd die Arme hoch. »Yeaaaaah!« Sein Jubelschrei hallte über die Burganlage.
»Wer jetzt?« Rolf sah in die Runde.
Ich durfte nicht kneifen. Dieses Mal nicht. Ich musste es tun – sofort! Spontan machte ich einen großen Schritt auf ihn zu. Im gleichen Moment fing mein Herz an zu rasen. Seine Augen weiteten sich. »Echt jetzt? Das machst du und an der Kletterwand hast du dich nicht getraut?«
Ich schluckte, sah ihm in die Augen und nickte. Er deutete auf den Gurt, der vor mir auf dem Boden lag. Doch meine Beine schienen nicht mehr zu mir zu gehören. Ich konzentrierte mich auf jede Bewegung beim Einsteigen, als müsste ich sie bewusst steuern. Karo klinkte die Haken ein und schloss die Riemen. Ich setzte mir einen Helm auf und zog die Handschuhe an. Bevor Rolf und Christian mich erreichten, um mir auf die Brüstung zu helfen, saß ich bereits darauf.
Unter mir die Baumkronen und ein schmaler Fußweg. Meine Güte, was tat ich hier? Doch es gab kein Zurück mehr. Mich bäuchlings auf die Mauer zu legen, gelang mir noch gut, aber kaum ließ ich die Füße auf der anderen Seite hinab, meldeten sich meine Achillessehnen mit einem Ziehen. Zum ersten Mal spürte ich diesen uralten Reflex, den Widerstand gegen das Bodenlose. Doch ich rutschte noch ein Stückchen weiter über den Mauerrand. Jetzt musste ich mit dem Oberkörper die Brüstung und damit den letzten Halt verlassen. Meine Hände krallten sich um das Seil vor mir.
»Die rechte Hand an das andere Seil neben deiner Hüfte!«, erklärte Karo. Zögernd kam ich der Aufforderung nach, schloss die Augen und nahm bewusst die Gurte wahr. Sie hielten mich! Ich hing in ihnen – war sicher! Dieser Gedanke ließ das Beben meines Körpers abebben. Ich brachte sogar ein Lächeln zustande, als Rolf mir erklärte, was ich tun musste.
Dann stieß ich mich leicht von der Wand ab und öffnete gleichzeitig die rechte Hand, um das Seil freizugeben. Ein Ruck und ich glitt ein Stück abwärts. Kaum berührten meine Füße die Wand wieder, gab das letzte Quäntchen Angst einer unwiderstehlichen Abenteuerlust Raum. Sie verlieh mir den Mut, mich heftiger abzustoßen und das Seil länger freizulassen. Wind strich über meine Haut. Ich wollte mehr. Mit immer größeren Sprüngen rauschte ich hinab und wünschte mir, der Abstieg möge ewig dauern. Mit einem Jubelschrei, der aus den Tiefen meiner Seele kam, schrie ich meine Freude in die Welt hinaus.
Unten angekommen, klinkte ich mich aus, rannte zum Turm und hetzte die Treppen hinauf. Total außer Puste kam ich auf der Plattform an und rief: »Ich will nochmal!«
Die anderen empfingen mich mit Gejohle. Einige klatschten, nahmen mich in den Arm.
Dieses unbeschreibliche Erlebnis werde ich nie vergessen.
