Wasserperlen

Ihre Augen wie reines, leuchtendes Azurblau – die Farbe eines klaren Himmels über dem Meer. Die Haare wirbelten um ihren Kopf, als sei sie in einen winzigen Tornado geraten, wild und ungebärdig wie ihr ganzes Wesen. Ihr Gesicht überzog ein verzücktes Lächeln, das auch von einer Sechsjährigen stammen könnte. Der harte Wasserstrahl prasselte über ihre Schultern und drückte die Träger des Badeanzugs zur Seite. Sie kicherte, zog sie wieder nach oben und schloss die Augen, ganz in diesen genussvollen Moment versunken.

Ich schätzte sie auf Mitte siebzig, und ich beobachtete sie von der Liege aus verstohlen über den Rand meiner Sonnenbrille hinweg. Was für eine wundervolle Ausstrahlung.

Beim Abendessen sah ich sie wieder und sie saß alleine. Also fragte ich, ob wir nicht an einem Tisch sitzen sollten und sie willigte gerne ein.

„Ich heiße Margarethe und wir können uns duzen.“ Sie kicherte. „Hab schon bemerkt, dass du mich beobachtest.“

„Anna“, stellte ich mich vor, während ich mich setzte und die Menükarte griff.

 „Nenn mich lieber Grete, das klingt weniger nach Grabstein. Oder Greta, das hat was von Garbo.“ Sie reckte den Hals und verdrehte die Augen und es hatte das Verruchte des blauen Engels an sich. Dann lachte sie über ihren eigenen Witz, und ich lachte mit, obwohl mir kurz der Atem stockte. Grabstein?

Wir tranken Weißwein und aßen Lachs, und irgendwann, ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, sprach sie von Werner. Zweiundvierzig Jahre. Voriges Jahr an Krebs gestorben. Da war ich mit meiner Scheidung noch gut weggekommen. Für einen Moment waren wir beide in Schweigen versunken. Gedanken an das Unvorstellbare, das sich ins Leben schiebt und einen selbst zu vernichten droht.

 „Weißt du, was das Schlimmste war?“, fragte sie und drehte das Weinglas in den Händen. „Nicht die ersten Wochen. Die waren wie ein Nebel, da funktioniert man einfach. Das Schlimmste waren die Wochen danach, als alle dachten, ich müsste jetzt langsam wieder normal werden.“ Sie schaute mich an. „Als wäre Trauern ein Projekt mit Deadline.“

Ich nickte, ohne etwas zu sagen. Ich wartete auf Traurigkeit in ihrer Stimme.

Sie war da, ja, aber sie saß still im Hintergrund, wie ein vertrauter Gast, der gelernt hat, sich nicht aufzudrängen. „Meine Tochter wollte, dass ich die Reise absage. Sie meinte, es wäre noch zu früh.“ Sie trank einen Schluck. „Ich habe ihr gesagt: Schatz, ich bin zweiundsiebzig. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Und dann habe ich umgebucht auf Einzelzimmer.

Am nächsten Morgen sah ich sie wieder am Pool. Diesmal schwamm sie, gleichmäßige, ruhige Bahnen, das silbrig schimmernde Wasser teilte sich vor ihr und schloss sich hinter ihr wieder. Als sie mich am Rand sitzen sah, winkte sie.

Ich winkte zurück.

Später, als wir uns nebeneinander auf den Liegen ausstreckten, fragte sie mich: „Und du? Was bringt dich her?“

Ich überlegte einen Moment. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann nicht mehr atmen, seitdem dieser …“ Ich schluckte die Schimpfworte herunter und schloss die Augen. „Ich brauchte einfach Luft.“

„Gut“, sagte sie. „Vielleicht willst du nächstes Jahr ja nochmal atmen.“

Es klang nicht nur nach Einladung. Es klang nach Hoffnung.

Auf der Heimfahrt dachte ich an Grete. Oder Greta. Die Göttliche. An die Art, wie sie unter der Wasserdüse gestanden hatte – dieser kindliche, bedingungslose Genuss. Als hätte das Wasser alles weggespült, was andere für sie entschieden hatten. Die Erwartungen. Die Schonzeit. Die stille Zumutung, dass ein Leben nach Verlust kein richtiges Leben mehr sein darf.

Das Wasser hatte sie nicht weggespült.

Es hatte sie einfach nur nass gemacht. Und sie hatte darüber gelacht.

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