{"id":1260,"date":"2021-03-16T12:35:42","date_gmt":"2021-03-16T11:35:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/?p=1260"},"modified":"2021-04-12T08:51:34","modified_gmt":"2021-04-12T06:51:34","slug":"mein-papa-und-die-geschichte-mit-den-gardinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/2021\/03\/16\/mein-papa-und-die-geschichte-mit-den-gardinen\/","title":{"rendered":"Mein Papa und die Geschichte mit den Gardinen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich stand im B\u00fcro auf einer Trittleiter und staubte das Regal mit den Andenken ab. Liebevoll strich ich \u00fcber die kleinen Kostbarkeiten, bevor ich sie zur Seite nahm, um mit dem Staubwedel \u00fcber die Glasfl\u00e4chen zu fahren. Da war die kleine Drehorgel, die \u00bbF\u00fcr Elise\u00ab spielte, wenn man an der Kurbel drehte. Mein Bruder hatte sie mir als Kind geschenkt. Sie funktionierte auch nach Jahrzehnten noch. Ein Bild meiner Mama, daneben eine Flasche K\u00f6lnisch Wasser. Ein verwaistes Hundehalsband rief Schwermut hervor, eilig legte ich es wieder hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein Herrenhut aus Filz, darunter ein rot eingebundenes Buch. Ich legte den Staubwedel zur Seite, nahm es vorsichtig herunter und schlug es and\u00e4chtig auf. \u00bbErinnerungen\u00ab, stand lapidar dar\u00fcber. \u00bbMeinem lieben Bienchen in herzlicher Zuneigung.\u00ab Eine zackige, ungelenke Handschrift mit starken Anlehnungen an die alte Schriftart S\u00fctterlin. Wie sehr ich meinen Papa vermisste.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/sutterlin-1362879_640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1263\" width=\"485\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/sutterlin-1362879_640.jpg 640w, https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/sutterlin-1362879_640-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 485px) 100vw, 485px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Schon lange hatte ich das B\u00fcchlein nicht mehr in die Hand genommen. Ich bl\u00e4tterte weiter. Eine Schwarz-Wei\u00df-Aufnahme meines Vaters in jungen Jahren. Dahinter eine Zeichnung meiner Schwester, die einen Engel darstellte, der sch\u00fctzend die Hand \u00fcber meinen Vater hielt, Augen und Mund erschrocken aufgerissen, die Haare senkrecht in der Luft stehend. Ich musste grinsen. Der Humor meines Vaters war un\u00fcbertroffen.<br>Die n\u00e4chsten Seiten zeigten Bilder meiner Ahnen. Eine Gruppe, dicht beisammen aufgestellt zwischen den hohen Tomaten- und Bohnenpflanzen im Schrebergarten. Die meisten habe ich niemals kennengelernt. Meine Gro\u00dfmutter in jungen Jahren, in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid und mit strengem Dutt. Dann Papa mit seinem Bruder vor dem Hauseingang der Mietwohnung. Mein Onkel hatte sein Leben im Zweiten Weltkrieg verloren. Mein Opa in der Schneiderwerkstatt, Papa in der Lehre bei einem Textilverk\u00e4ufer namens Gauer in Landau. Ich musste wieder einmal lachen. Die ganze Bande musste w\u00e4hrend der Bombenangriffe im Keller bleiben. Um sich die Zeit zu vertreiben, stellten sie sich f\u00fcr Fotos in Pose, in Turbane und Umh\u00e4nge geh\u00fcllt und in Kampfpose aufgestellt wie die heutigen Taliban. Welch skurriler Einfall. Das Gesch\u00e4ft existierte vor einigen Jahren noch, und Papa hat ihnen die Fotos \u00fcberlassen. In Uniform am Bahnhof. Winzige, unscharfe Bilder vom Reichsarbeitsdienst. Ich las mich wieder einmal fest.<br>Ach ja, die Geschichte mit den Gardinen. Die war lustig. Ich begann zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Im Februar 1941 wurde ich zum R.A.D. (Reichsarbeitsdienst) nach Zweibr\u00fccken-Ixheim eingezogen.<br>Mir schmeckte es gar nicht, mit dem Spaten \u00bbGriffe zu kloppen\u00ab oder an der deutsch-franz\u00f6sischen Grenze \u00fcberfl\u00fcssig gewordene Erdbunker auszubuddeln. Ich war deshalb richtig begeistert, als eines Tages beim Fr\u00fchappell der Feldmeister fragte, wer etwas von Gardinen verst\u00fcnde. Ich meldete mich. Aber da ich mich durch unmilit\u00e4risches Benehmen nicht gerade bei meinen Vorgesetzten beliebt gemacht hatte, wollten sie jemand anderen. Zu ihrem \u00c4rger meldete sich aber niemand. (Ich hatte auf eine Frage des Truppf\u00fchrers statt mit dem \u00fcblichen \u00bbjawohl\u00ab mit \u00bbselbstredend\u00ab geantwortet, was diesen zu einem Wutausbruch veranlasste.)<br>Wir standen neben der Freiwaschanlage und er befahl mir, so lange um diese herumzulaufen, bis ich umfiele. Nach einer halben Umrundung \u00bbfiel ich um\u00ab. Das wollte er sich nat\u00fcrlich nicht gefallen lassen. Er drehte einen der Wasserh\u00e4hne an der Waschanlage auf und versuchte durch Darunterhalten der Hand den Wasserstrahl in meine Richtung zu lenken. Das Man\u00f6ver ging aber gr\u00fcndlich daneben, weil in diesem Moment der Feldmeister, von dem Truppf\u00fchrer in seiner Rage unbemerkt, des Weges kam und eine Dusche abkriegte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/faucet-1684902_640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1265\" width=\"355\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/faucet-1684902_640.jpg 640w, https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/faucet-1684902_640-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Truppf\u00fchrer \u00bbabgeputzt\u00ab wurde, machte ich mich aus dem Staube.<br>Ein weiterer Vorfall trug auch nicht zu meinem Ansehen bei: Ich verletzte mich an der rechten Hand, wollte aber meinen Eltern einen Brief schreiben. Ich entsann mich der F\u00e4higkeit, als geborener Linksh\u00e4nder in der Schule zun\u00e4chst in Spiegelschrift von rechts nach links geschrieben zu haben. Ich schrieb also meinen Brief in besagter Manier. Alle Briefe wurden damals ge\u00f6ffnet bzw. mussten offen abgegeben werden. Ich wurde auf die Schreibstube befohlen, wo man mich in barschem Ton fragte, wieso ich in Geheimschrift schreibe und was in dem Brief st\u00fcnde.<br>Ich bat die Vorgesetzten, den Brief in den Spiegel zu halten, wo sie sich von der Harmlosigkeit des Inhalts \u00fcberzeugen konnten. Die Herren f\u00fchlten sich veralbert und ich hatte wieder eine Portion Minuspunkte weg, und sie hatten mich endg\u00fcltig \u00bbauf der Latte\u00ab.<br>Nun, wenn man den Hund hauen will, findet man auch einen Stock. Worin dieser diesmal bestand, wei\u00df ich nicht mehr. Es spielte im Grunde auch keine Rolle. Jedenfalls wurde ich dazu verdonnert, am Sonntag die Jauchegrube zu leeren. Das geschah mittels eines Blechgef\u00e4\u00dfes an einer langen Stange, dessen Inhalt in zwei Eimer entleert wurde, die danach in den Garten zu tragen waren. Ich war gerade wieder mit meinen vollen Eimern unterwegs, als mir die gesamte F\u00fchrerschaft des Lagers entgegenkam, in ihrer Mitte ein dicker Mann in hervorstechender Uniform.<br>Mein Gardinen-Auftraggeber hatte sich ausgerechnet an diesem Sonntag entschlossen, unserer Abteilung einen Besuch abzustatten. Es w\u00e4re f\u00fcr mich ein Leichtes gewesen, irgendwo zwischen den Baracken zu verschwinden. Stattdessen ging ich mit je einem Eimer an der Hand auf der Lagerstra\u00dfe dem Trupp entgegen. Beim Vorbeigehen (in strammer Haltung und vorgeschriebener Blickrichtung) schn\u00fcffelte der Dicke (ich habe seinen Dienstgrad vergessen) in der Luft und fragte mich, was ich da mache. Ich antwortete: \u00bbJauchegrube leeren\u00ab. Er sagte: \u00bbAber doch nicht am Sonntag!\u00ab Dann erkannte er mich. \u00bbSie sind doch der, der bei mir die Gardinen macht! Waschen Sie sich und ziehen Sie sich um!\u00ab (Die Ausgangs-Uniform des R.A.D. war nicht besonders attraktiv. Besonders scheu\u00dflich fanden wir die Kopfbedeckung, ein Mittelding aus Hut und M\u00fctze mit einer Mittelfurche auf dem Scheitelpunkt, vorn ein Schild. Wir nannten das Gebilde ver\u00e4chtlich \u00bbArsch mit Griff\u00ab.) Damit ging die Gruppe weiter.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/thread-5047561_640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1262\" width=\"471\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/thread-5047561_640.jpg 640w, https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/thread-5047561_640-300x189.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 471px) 100vw, 471px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ich folgte schleunigst dem \u00bbBefehl\u00ab und ging danach in die Stadt. Bei meiner Heimkehr stand der Truppf\u00fchrer bereits an der Lagert\u00fcr und erwartete mich. Au\u00dfer Drohungen passierte jedoch nichts, da er wusste, dass ich am n\u00e4chsten Tag wieder bei meinem \u00bbArbeitgeber\u00ab sein w\u00fcrde und Gelegenheit zum \u00bbPetzen\u00ab h\u00e4tte.<br>Zur Herstellung besagter Gardinen w\u00e4re noch folgendes zu sagen: Nach Kl\u00e4rung der Adresse marschierte ich zu der Villa in der N\u00e4he des Pferde-Rennplatzes und meldete mich bei dem \u00bbDicken\u00ab (ich werde ihn weiter so nennen, da ich weder Dienstgrad noch Namen in Erinnerung behalten habe).<br>Das Dienstzimmer des Mannes war ein trister Raum, wenige M\u00f6bel, Schreibtisch, Stuhl, Schrank, drei hohe kahle Fenster. Er wollte \u00bbVorh\u00e4nge\u00ab. Ich pl\u00e4dierte f\u00fcr Stores und \u00dcbergardinen. Er sagte einfach: \u00bbMachen Sie!\u00ab Also trabte ich erst mal los zu einem Gardinengesch\u00e4ft in der Stadt. Dort lie\u00df ich mir Muster geben. Zur\u00fcck, lie\u00df ich den Dicken die Auswahl treffen und machte ihn darauf aufmerksam, dass er einen sog. \u00bbBezugsschein\u00ab besorgen m\u00fcsse, da ich sonst die Stoffe nicht bek\u00e4me. Damit war meine T\u00e4tigkeit am ersten Tag bereits beendet. Ich bummelte noch ein wenig in der Stadt, um zum Dienstschluss im Lager einzutreffen. Auf die Frage des Zugf\u00fchrers (es gab damals jede Menge \u00bbF\u00fchrer\u00ab vom einfachen Gruppenf\u00fchrer bis zum \u00bbGr\u00f6faz\u00ab, dem gr\u00f6\u00dften Feldherrn aller Zeiten) konnte ich keinen pr\u00e4zisen Zeitpunkt nennen, da das von der Arbeit des Gardinengesch\u00e4fts abhinge.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag gab ich dort die geforderten Bezugsscheine und die Ma\u00dfe f\u00fcr die Gardinen ab mit der Bemerkung, dass es nicht so pressant sei. Nach Tagen fiel mir auf, dass Gardinenstangen zum Aufh\u00e4ngen fehlten. Also ausmessen, im Gesch\u00e4ft bestellen (es eilt nicht so!). Als nach l\u00e4ngerer Zeit die Gardinen endlich an den Fenstern hingen, tat es mir leid um den sch\u00f6nen Job. Schlie\u00dflich konnte ich den \u00bbDicken\u00ab \u00fcberreden, zum Schutz der sch\u00f6nen Gardinen vor den sengenden Sonnenstrahlen noch Sonnenrollos anzubringen. Das brachte noch ein paar Tage, aber dann war endg\u00fcltig Schluss. Ich dachte manchmal: Wenn wir bei Gauer so gearbeitet h\u00e4tten, w\u00e4re die Firma l\u00e4ngst pleite&nbsp;\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4chelnd schlug ich das Buch wieder zu und legte es zur\u00fcck an seinen Platz unter dem Hut. Meine Laune hatte sich erheblich gebessert und ich fuhr mit meinem Staubwedel fort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stand im B\u00fcro auf einer Trittleiter und staubte das Regal mit den Andenken ab. 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