{"id":371,"date":"2021-01-01T15:49:30","date_gmt":"2021-01-01T14:49:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/?p=371"},"modified":"2021-04-12T08:38:07","modified_gmt":"2021-04-12T06:38:07","slug":"371","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/2021\/01\/01\/371\/","title":{"rendered":"Auf einem italienischen Markt"},"content":{"rendered":"<p>Malcesine &#8211; ein malerisches St\u00e4dtchen am Gardasee. Inzwischen ist es mir fast zur zweiten Heimat geworden. Jedesmal, wenn ich ankomme, spaziere ich, nachdem ich mich in meiner Pension gem\u00fctlich eingerichtet habe, durch die engen G\u00e4sschen der Altstadt.<\/p>\n<p>So auch in einem Mai vor etlichen Jahren. Anne hatte ihren Obst- und Gem\u00fcsestand wieder aufgebaut und es roch herrlich nach reifem Obst und frischem Gem\u00fcse.<\/p>\n<p>Alceste stand vor seinem gem\u00fctlichen Lokal. &#8222;Wieder da?&#8220;, rief er und winkte mir lachend zu. Ich ging hinunter zum Hafen.<\/p>\n<p>Bootseigner luden, wie immer, mit ihrem &#8222;Meckten Sie nach Limone fahren?&#8220;, Vor\u00fcbergehende zu Bootsfahrten ein. Vor\u00fcberfahrende Schiffe schickten ihre von der Sonne in glei\u00dfendes Licht getauchten Wellen ans Ufer.<\/p>\n<p>Der Wind brachte von irgendwoher eine zarte Melodie. Ich wurde wieder von dieser wunderbaren, wohltuenden Heiterkeit erfasst. Ich war zu Hause &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Heute ist Markttag&#8220;, sagte Mutter Priori w\u00e4hrend des Fr\u00fchst\u00fccks zu mir und da ein bunter, italienischer Markt f\u00fcr mich noch immer nichts von seinem besonderen Reiz eingeb\u00fc\u00dft hat, ging ich hin. Ich wurde von dem \u00fcblichen, wohlbekannten Durcheinander von Stimmen, Ger\u00e4uschen und Ger\u00fcchen empfangen.<\/p>\n<p>&#8222;T-Shirts, vier St\u00fcck 20 000 Lire!&#8220;<br \/>\n&#8222;T-Shirts, vier St\u00fcck 20 000 Lire!&#8220;<\/p>\n<p>h\u00f6rte ich schon weitem eine sonore M\u00e4nnerstimme rufen. Der Mann, zu dem sie geh\u00f6rte, mochte so um die vierzig Jahre alt sein. Er sah genauso aus, wie sich Frauen aus n\u00f6rdlicheren Gefilden den sch\u00f6nen, verf\u00fchrerischen S\u00fcdl\u00e4nder vorstellen. Braungebrannt und schwarzgelockt stand er hinter seinem Verkaufsstisch und hob verschiedene T-Shirts nacheinander hoch, um sie den Vor\u00fcbergehenden zu zeigen. Ich fand die T-Shirts h\u00fcbsch und dachte bei mir, dass sie geeignete Mitbringsel f\u00fcr meine Lieben zu Hause sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ich trat an den Stand heran. Der H\u00e4ndler schenkte mir ein bet\u00f6rendes L\u00e4cheln:<\/p>\n<p>&#8222;Vier T-Shirts zu 20 000 Lire, Signora!&#8220;<\/p>\n<p>Beim betrachten der T-Shirts \u00fcberkam mich die Lust zu feilschen.<\/p>\n<p>&#8222;Die T-Shirts sind sch\u00f6n, Signore, aber zu teuer! Vier St\u00fcck 10 000 Lire!?&#8220;<\/p>\n<p>sagte ich.<\/p>\n<p>&#8222;No, no&#8220;, lachte der H\u00e4ndler. &#8222;Mamma mia, 10 000 Lire! 19 000!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;11 000&#8220;, sagte ich.<\/p>\n<p>Er sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;18 000!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;12 000!&#8220; entgegnete ich.<\/p>\n<p>&#8222;17 000&#8220; er.<\/p>\n<p>Ich: &#8222;13 000&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;16 000!&#8220; &#8222;15 000!&#8220; Der H\u00e4ndler seufzte tief und schenkte mir einen wehm\u00fctigen Blick.<\/p>\n<p>&#8222;Va bene, 15 000, wegen Ihre scheene Augen, Signora&#8220;.<\/p>\n<p>Ich w\u00e4hlte vier Shirts aus, der H\u00e4ndler legte sie aufeinander, rollte sie mit elegantem Schwung zusammen, packte sie in eine T\u00fcte und reichte sie mir her\u00fcber mit den Worten:<\/p>\n<p>&#8222;Prego Signora, 15 000 Lire!&#8220;<\/p>\n<p>Ich zahlte und ging mit einem &#8222;Tanto grazie, Signore!&#8220;, stolz die Kunst des Feilschens so gut beherrscht zu haben und begleitet vom bet\u00f6rendsten L\u00e4cheln des H\u00e4ndlers, davon.<\/p>\n<p>Am Abend, vor dem Schlafengehen, wollte ich mich noch einmal an meinem Erfolg freuen. Ich nahm die T-Shirts aus der T\u00fcte und faltete sie auseinander. &#8222;Eins, zwei, drei &#8230;&#8220; z\u00e4hlte ich &#8211; und noch einmal &#8222;eins, zwei, drei &#8230;&#8220;. Ich sah in die T\u00fcte &#8230; die war leer.<\/p>\n<p>&#8222;Donnerwetter!&#8220;, der Kerl hatte mich reingelegt. Ich hatte also nicht vier T-Shirts zum Preis von 20 000 Lire, sonder drei zum Preis von 15 000 Lire gekauft. Das bedeutete, dass ich mit meiner &#8222;gekonnten&#8220; Feilscherei nicht eine Lira gewonnen hatte.<\/p>\n<p>Ich musste lachen. Wurde ich doch in meinem Leben noch nie derart charmant beschissen.<\/p>\n<p>(Renate Raidt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malcesine &#8211; ein malerisches St\u00e4dtchen am Gardasee. Inzwischen ist es mir fast zur zweiten Heimat geworden. 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