{"id":441,"date":"2020-06-09T18:16:14","date_gmt":"2020-06-09T16:16:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/?page_id=441"},"modified":"2021-04-12T08:40:32","modified_gmt":"2021-04-12T06:40:32","slug":"ein-druecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herbstwind-online.de\/wordpress\/2020\/06\/09\/ein-druecke\/","title":{"rendered":"Ein-dr\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p>Die gute alte Zeit, an die wir uns erinnern, war eigentlich eine, die wir eher in die Kategorie \u201eSchlechte Zeiten\u201c einstufen w\u00fcrden. Im R\u00fcckblick und verglichen mit den heutigen \u201eGuten\u201c Zeiten zeigt sich, dass die nicht ohne Einschr\u00e4nkungen als segensreich empfunden werden. Wir erinnern uns, dass es in den schlechten Zeiten von damals auch manches gab, was gut war und was wir heute vermissen. Auch wenn sich wohl niemand w\u00fcnscht, dass sie wiederkommen.<\/p>\n<p>Die Grauen zweier Weltkriege, kurz hintereinander, und die Entbehrungen der Nachkriegszeiten haben Generationen gepr\u00e4gt. Auch die Zeitzeugen, die damals noch Kinder waren. Zu ihrem Alltag geh\u00f6rten Fliegeralarm, Artillerie\u2013Beschuss, Luftschutzkeller und Tiefflieger-Angriffe, Angst und Hunger, das Leid der vielen Familien, die einen oder mehrere Angeh\u00f6rige verloren hatten oder nichts \u00fcber ihr Schicksal wussten. Viele Familien mussten aus ihrer Heimat fl\u00fcchten oder waren aus ihr vertrieben worden.<\/p>\n<p>Wer das selbst erlebt hat, ist sich bewusst, wie kostbar der Frieden ist, in dem wir seitdem in unserem Land leben k\u00f6nnen. Er sieht die Bilder und Berichte \u00fcber die Kriegsgeschehen der heutigen Zeit rund um den Erdball und ihre Tragweite wohl mit anderen Augen und Gef\u00fchlen als die Nachgeborenen.<\/p>\n<p>Hilfe, um das Erlebte aufzuarbeiten, gab es f\u00fcr die Betroffenen nicht. Es musste verdr\u00e4ngt werden. Die meisten Erwachsenen wollten damals nicht dar\u00fcber reden. F\u00fcr sie ging es zun\u00e4chst um ihr \u00dcberleben und das der Familie. Um Nahrung, Kleidung, ein Dach \u00fcber dem Kopf und etwas zum W\u00e4rmen. Fremde Menschen wurden bei Bewohnern mit noch intaktem Wohnraum \u201eEinquartiert\u201c oder mussten in Notunterk\u00fcnften eng zusammenr\u00fccken. Eigene Interessen und Anspr\u00fcche mussten der Gemeinschaft untergeordnet werden. Die Menschen mussten sich gegenseitig unterst\u00fctzen. Zun\u00e4chst um zu \u00fcberleben. Sp\u00e4ter, um aus den Tr\u00fcmmern eine neue Lebensgrundlage aufzubauen.<\/p>\n<p>In diese Zeit geh\u00f6ren:<\/p>\n<p>\u2022 Lebensmittelmarken, mit denen jeder seinen zugeteilten Anteil an den verf\u00fcgbaren Grundnahrungsmitteln kaufen konnte.<br \/>\n\u2022 \u201eHamstertouren\u201c zu den Bauern aufs Land oder Tauschgesch\u00e4fte auf dem Schwarzen Markt, sofern man noch etwas zum Tauschen hatte.<br \/>\n\u2022 M\u00fctter, die es trotz der Not und dem Mangel immer wieder schafften, dass ihre Kinder etwas zum Essen hatten. Und selbst an Hunger litten.<br \/>\n\u2022 Eine gro\u00dfe Anzahl an \u201eSchl\u00fcsselkindern\u201c, die sich nach Schulschluss um den Haushalt und um die j\u00fcngeren Geschwister k\u00fcmmern mussten, w\u00e4hrend ihre M\u00fctter bei der Arbeit waren.<br \/>\n\u2022 \u201eKinderg\u00e4rten\u201c, sofern vorhanden, in denen es kein Spielzeug gab. In denen eine Kinderg\u00e4rtnerin in der Regel mehr als 50 Kinder allein betreute.<br \/>\n\u2022 Notd\u00fcrftig hergerichtete R\u00e4ume, in denen in \u00fcberf\u00fcllten Klassen unter einfachsten Bedingungen und oft im Schichtbetrieb unterrichtet wurde.<br \/>\n\u2022 Eltern, die sich trotz ihrer Not das Schul-, B\u00fccher- und Fahrgeld vom Mund absparten, um ihre Kinder auf eine H\u00f6here Schule schicken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In diese Zeit geh\u00f6ren aber auch die Care\u2013Pakete und die Notversorgung der Berliner Bev\u00f6lkerung durch die \u201eLuftbr\u00fccke\u201c der Amerikaner und die von den Qu\u00e4kern aus Amerika organisierte \u201eSchulspeisung\u201c f\u00fcr Kinder, der Riegel Schokolade von einem Soldaten der Besatzungsmacht, vor allem der Marshallplan und die Hilfen zum Wiederaufbau durch die Siegerm\u00e4chte. Und die W\u00e4hrungsreform.<\/p>\n<p>Kind zu sein, bedeutete in dieser Zeit kratzige Pullover aus Zuckers\u00e4cken, eine Hose aus alten Wolldecken, ein Kleid aus Fahnenstoff und gebrauchte Damenschn\u00fcrstiefel f\u00fcr Buben oder barfuss laufen. Auch strenge Regeln und Gehorsam, fr\u00fch Verantwortung \u00fcbernehmen m\u00fcssen im t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf und bem\u00fcht sein, die Eltern zu entlasten. Aber auch viel mehr Freiraum als heute, und sich zu erproben. Und drau\u00dfen gemeinsam mit anderen Kindern zu spielen und aus allem M\u00f6glichen immer neue Spiele zu erfinden.<\/p>\n<p>Weltbild und Verhalten werden weitgehend von den Lebensumst\u00e4nden der jeweiligen Zeit gepr\u00e4gt. War es fr\u00fcher der Mangel an Informationen, f\u00e4llt es heute unendlich schwer, sich aus der F\u00fclle daran eine eigene Meinung zu bilden. Unter dem zus\u00e4tzlichen Druck der rasanten Ver\u00e4nderungen kann heute schnell die Orientierung verloren gehen. Immer aber hat alles eine Ursache und einen geschichtlichen Hintergrund. Beides zu hinterfragen hilft, die Zusammenh\u00e4nge und den eigenen Standpunkt besser zu verstehen und eigene Entscheidungen zu treffen. Denn wenn sich die Zeiten auch \u00e4ndern, die grunds\u00e4tzlichen Probleme der Menschen und die Verantwortung, sie zu l\u00f6sen, sind geblieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gute alte Zeit, an die wir uns erinnern, war eigentlich eine, die wir eher in die Kategorie \u201eSchlechte Zeiten\u201c einstufen w\u00fcrden. 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