Gebet der Heuschrecke

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es riecht nach Frühling. Die ersten Frühlingsblumen recken ihre Köpfchen in die wärmende Sonne. Das weckt in uns ein Gefühl der Freude und Dankbarkeit. Vielleicht fühlt das die Heuschrecke auch?

Gebet der Heuschrecke

Ich gebe ja zu, Herr,
statt Sitzfleisch
habe ich Muskeln
in den Beinen,
begabt zum Hochsprung.

Aber nur an einem
Halm zu dösen …
pfui, wie langweilig.
Ich verkürze die Zeit
mit plötzlichen hohen Sprüngen.

Natürlich –
das hat mein Image verdorben.
Ich bin zum „Schreck“ geworden.

Aber gib zu, Herr:
Wie unerträglich sind
Nachbarn mit schwachen Nerven.

Lebenslust, Herr,
nichts als Lebenslust …
Findest Du anderes in
meinen Sprüngen?

Du gabst mir doch das Temperament.
Was hast Du Dir
bei mir gedacht, Herr …

Kräftige Beine,
große Augen,
grüner Frack.

Einen Grandseigneur?
Einen Zirkusakrobaten?
Einen Angeber im Rampenlicht?

Nein, Herr –
immer diese Vorurteile.
Ich bin ein Kleiner,
der die Höhe liebt.
Die Höhe, in der Du lebst.

Ich preise Dich, Herr.
Darum hüpfe ich.

Amen

Ich wünsche Ihnen für den Frühling die Lebenslust der Heuschrecke, auch ohne hohe Sprünge.
Mit herzlichen Grüßen
Renate Raidt

Gebet des Schmetterlings

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

können Sie sich eine Blumenwiese ohne die bunten Gesellen, die Schmetterlinge, vorstellen, die voller Lebenslust durch den Frühlingswind taumeln?

Gebet des Schmetterlings

Bin ich nicht
das schönste Fotomodell
der Welt?

Eigentlich doch nur
ein wundervoller Farbhauch,
gleichsam in den Wind geblasen,
immer jung, immer zart,
jenseits der irdischen Wirklichkeit.

Und meine Garderobe?
Keine Frage, Herr!
Jede Dame,
gleich welchen Alters,
wird blass und eifersüchtig.
Es ist,
als sei ich in einem
paradiesischen Farbtopf geboren
und in einer Purderdose erzogen worden.

Kein Wunder,
dass Du mir nur eine
kurze Lebenszeit zumutest.
Ich bin zu zerbrechlich
für die Härten des Lebens, Herr.
Auch wenn mich die wunderlichen Geschöpfe,
die Du Menschen nennst,
mit einem Netz jagen und mich aufspießen unter Glas,
angeblich meiner Schönheit wegen.

Darum falte ich meine großen Flügel,
damit niemand mich sieht.
Nur Du.

Ich weiß, Du nimmst
diese Anbetung an.
Abseits des Laufstegs der Natur,
auf dem ich meinen kurzen Lebensweg gehe,
dankbar, dass ich sein darf voller Lebenslust,
dankbar, dass ich zurückkommen darf – zu Dir.
Das ist noch schöner
als das Farbkleid meiner Flügel.
Ich schenke Dir das
Halleluja
meines Herzens.

Amen

Freuen Sie sich an der bunten Unbeschwertheit der Schmetterlinge!
Ich wünsche Ihnen zusammen mit dem Redaktionsteam ein frohes Osterfest!
Ihre Renate Raidt

Liebe Leserinnen und Leser,

Der Benediktiner Drutmar Cremer hat ungewöhnliche Gebete verfasst.

Tiere sprechen sie, und den Menschen rühren sie an, weil diese Tiere menschliche Züge tragen.

Die Texte sind heiter und sie flirren leicht, wie ein Kolibri.

Aber sie bezeugen bisweilen auch die schwermütigen Schatten der Erde, die das Leben so kompliziert und bedrängend machen können.

Aber immer bezwingt in diesen Gebeten ein köstliches Lächeln die Verdrehtheiten des Daseins, gewinnen ihm das Gute meist gütig ab.

Sie scheinen den Ernst der Schatten aufzulösen in tanzende Lichtflecke, die einem sonnigen Gemüt entspringen und die vordergründigen Barrieren des Alltags überwinden.

Diese Gebete lassen die Welt, die Menschen, die Erfahrungen des Lebens und die Umbrüche der Zeit in einem optimistischen Licht erscheinen.

Sie sind Strahlen eines Sterns, den die Menschen fast schon vergessen haben.

Wer diese Tiere anschaut, ihr Wesen und ihr Verhalten, der ahnt vielleicht, wie Gott den Menschen gedacht hat.“

Ab Februar können Sie monatlich ein tierisch-menschliches Gebet aus dem reizenden Büchlein „Ich preise Dich Herr, darum hüpfe ich“ lesen.

Herzliche Grüße
Ihre Renate Raidt