Auf einem italienischen Markt

Malcesine – ein malerisches Städtchen am Gardasee. Inzwischen ist es mir fast zur zweiten Heimat geworden. Jedesmal, wenn ich ankomme, spaziere ich, nachdem ich mich in meiner Pension gemütlich eingerichtet habe, durch die engen Gässchen der Altstadt.

So auch in einem Mai vor etlichen Jahren. Anne hatte ihren Obst- und Gemüsestand wieder aufgebaut und es roch herrlich nach reifem Obst und frischem Gemüse.

Alceste stand vor seinem gemütlichen Lokal. „Wieder da?“, rief er und winkte mir lachend zu. Ich ging hinunter zum Hafen.

Bootseigner luden, wie immer, mit ihrem „Meckten Sie nach Limone fahren?“, Vorübergehende zu Bootsfahrten ein. Vorüberfahrende Schiffe schickten ihre von der Sonne in gleißendes Licht getauchten Wellen ans Ufer.

Der Wind brachte von irgendwoher eine zarte Melodie. Ich wurde wieder von dieser wunderbaren, wohltuenden Heiterkeit erfasst. Ich war zu Hause …

„Heute ist Markttag“, sagte Mutter Priori während des Frühstücks zu mir und da ein bunter, italienischer Markt für mich noch immer nichts von seinem besonderen Reiz eingebüßt hat, ging ich hin. Ich wurde von dem üblichen, wohlbekannten Durcheinander von Stimmen, Geräuschen und Gerüchen empfangen.

„T-Shirts, vier Stück 20 000 Lire!“
„T-Shirts, vier Stück 20 000 Lire!“

hörte ich schon weitem eine sonore Männerstimme rufen. Der Mann, zu dem sie gehörte, mochte so um die vierzig Jahre alt sein. Er sah genauso aus, wie sich Frauen aus nördlicheren Gefilden den schönen, verführerischen Südländer vorstellen. Braungebrannt und schwarzgelockt stand er hinter seinem Verkaufsstisch und hob verschiedene T-Shirts nacheinander hoch, um sie den Vorübergehenden zu zeigen. Ich fand die T-Shirts hübsch und dachte bei mir, dass sie geeignete Mitbringsel für meine Lieben zu Hause sein könnten.

Ich trat an den Stand heran. Der Händler schenkte mir ein betörendes Lächeln:

„Vier T-Shirts zu 20 000 Lire, Signora!“

Beim betrachten der T-Shirts überkam mich die Lust zu feilschen.

„Die T-Shirts sind schön, Signore, aber zu teuer! Vier Stück 10 000 Lire!?“

sagte ich.

„No, no“, lachte der Händler. „Mamma mia, 10 000 Lire! 19 000!“

„11 000“, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf. „18 000!“

„12 000!“ entgegnete ich.

„17 000“ er.

Ich: „13 000“.

„16 000!“ „15 000!“ Der Händler seufzte tief und schenkte mir einen wehmütigen Blick.

„Va bene, 15 000, wegen Ihre scheene Augen, Signora“.

Ich wählte vier Shirts aus, der Händler legte sie aufeinander, rollte sie mit elegantem Schwung zusammen, packte sie in eine Tüte und reichte sie mir herüber mit den Worten:

„Prego Signora, 15 000 Lire!“

Ich zahlte und ging mit einem „Tanto grazie, Signore!“, stolz die Kunst des Feilschens so gut beherrscht zu haben und begleitet vom betörendsten Lächeln des Händlers, davon.

Am Abend, vor dem Schlafengehen, wollte ich mich noch einmal an meinem Erfolg freuen. Ich nahm die T-Shirts aus der Tüte und faltete sie auseinander. „Eins, zwei, drei …“ zählte ich – und noch einmal „eins, zwei, drei …“. Ich sah in die Tüte … die war leer.

„Donnerwetter!“, der Kerl hatte mich reingelegt. Ich hatte also nicht vier T-Shirts zum Preis von 20 000 Lire, sonder drei zum Preis von 15 000 Lire gekauft. Das bedeutete, dass ich mit meiner „gekonnten“ Feilscherei nicht eine Lira gewonnen hatte.

Ich musste lachen. Wurde ich doch in meinem Leben noch nie derart charmant beschissen.

(Renate Raidt)

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