Kennt ihr den Weihnachts-Grinch? Das grüne Monster, das Weihnachten aus tiefstem Herzen verabscheut? Zugegeben, ich habe den Film nie gesehen, kenne nur die Beschreibungen. Und finde es lustig und originell. Aber es passt so gar nicht zu mir. Ich liebe diese verträumte Stimmung an Weihnachten. Das ist die Zeit, in der ich mir den kleinen Lord ansehe und George Bailey, den ein Engel am Weihnachtsabend aus seiner Verzweiflung holt. Eine Zeit, in der man ungestraft rührselig sein darf und sich vormacht, dass die Welt eine bessere sei.
Aber Silvester? Silvester macht mich melancholisch.
Als jemand, der sich seit Jahrzehnten mit Esoterik beschäftigt, weiß ich um die Raunächte. Sie sind eine der intensivsten Schwellenzeiten im Jahr. Ein Moment, wo die Schleier dünn sind, wo Transformation möglich ist, wo man Altes loslassen und Neues empfangen könnte. Und was wird daraus gemacht? Besäufnis, Böller, oberflächliches Gebrüll um Mitternacht. Menschen torkeln betrunken durch die Straßen, statt die Stille zu nutzen. Sie übertönen mit Lärm, was eigentlich gehört werden sollte. Sie missbrauchen den Übergang als Party statt als bewussten Akt der Neuausrichtung.
Warum muss Bedeutung durch Alkohol und Zerstörung ersetzt werden? Was sagt das über unsere Unfähigkeit, mit Tiefe umzugehen? Über die Angst vor echter Innenschau?
Aber wenn ich ehrlich bin – die Melancholie gilt nicht nur den anderen. Sie gilt vor allem mir selbst.
Wenn man möchte, könnte man mich eine Hexe nennen. Eine, die die Raunächte kennt, die um das Potenzial dieser Zeit weiß, die Räucherwerk und Rituale kennt – und die sich am 31. Dezember bei dem Gedanken ertappt: Schon wieder ein Jahr vorbei. Schon wieder die Chance vertan, das Leben zu leben, von dem ich träume. Diese spezifische Bitterkeit darüber, was möglich wäre – und was ich Jahr für Jahr nicht umsetze. Die Kluft zwischen Wissen und Handeln. Zwischen Erkenntnis und Transformation.
Was hält mich davon ab? Bequemlichkeit? Angst? Die Last der alten Muster? Oder die Erkenntnis, dass echte Transformation eben nicht an einem Datum passiert, sondern jeden Tag neu gewählt werden muss – und dass ich genau das versäume?
Im Fernsehen läuft der Countdown, ich höre die ersten Raketen pfeifen, Sektkorken knallen. Aber nichts, gar nichts wird sich ändern.
Nein, ich bin wahrlich kein Weihnachts-Grinch. Ich bin der Silvester-Grinch. Und das schmerzt mehr.
