Großeltern zu Weihnachten

von Beate Seim

Leise fielen dicke Schneeflocken zur Erde und die ganze Stadt sah aus, als wäre sie mit einer Decke aus weißer Zuckerwatte überzogen.

„Nun bekommen wir sogar weiße Weihnachten“ sagte Frau Wegner zu ihrem Mann und trat vom Fenster zurück. „In diesem Jahr haben wir besonderes Glück, zuerst das Christkind und jetzt auch noch den Schnee“. „Ja, da hast du recht, so kann man es wohl nennen“, pflichtete er ihr bei. Mit dem „Christkind“ meinten beide nämlich den kleinen Erdenbürger, der zwei Tage vor Weihnachten das Licht der Welt erblickt hatte. Die jungen Eltern wohnten mit ihm im Erdgeschoss des Hauses von Familie Wegner. Es waren nette Leute, die den schon etwas älteren Wegners ab und an zur Hand gingen, wenn es nötig war. Daraus hatte sich im Laufe der Zeit ein besonders herzliches Verhältnis entwickelt. Die Wegners hatten sich über die Geburt des kleinen Timo riesig gefreut – ja, sie waren so glücklich darüber, als wäre es ihr eigener Enkel, denn leider hatten sie selbst keine Kinder.

Der frisch gebackene Vater hatte Wegners gebeten, den Heiligen Abend doch bei ihnen zu verbringen. Pünktlich zur vereinbarten Zeit klopften sie also leise an dessen Tür. Die junge Mutter öffnete ihnen mit dem Baby auf dem Arm und bat sie ins Wohnzimmer. Dieses war festlich geschmückt und eine große Tanne erleuchtete den Raum. Als es sich alle gemütlich gemacht hatten, übergab Frau Wegner den Eltern das mitgebrachte Geschenk für den Kleinen.

Da stand Timos Vater auf und erklärte feierlich: „Hiermit ernenne ich Euch zu den Großeltern unseres Sohnes und hoffe, dass Ihr dieses Geschenk annehmt.“ Dabei legte er Timo in die Arme von Frau Wegner.

„Danke, vielen Dank“, sagten beide sichtlich bewegt, „diese Aufgabe übernehmen wir mit Freuden. Wir werden uns stets bemühen, ihm eine gute Oma und ein lieber Opa zu sein.“

„Ich glaube, das war wohl eines der schönsten Weihnachtsfeste, das wir je erlebt haben, meinst Du nicht auch?“, fragte der „neue Opa“ seine Frau.

Diese nickte ihm nur stumm zu, um Timo nicht zu wecken, der selig in ihrem Schoß eingeschlafen war.

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