Herbstmilch – Lebenserinnerungen einer Bäuerin von Anna Wimschneider

Der Buchtitel bezieht sich auf Milch, die zu Herbstanfang in Bottichen gesammelt wurde und als Herbstmilchsuppe ein wichtiges Lebensmittel für die Landbevölkerung darstellte.

Die im Jahr 1985 erstmals veröffentliche Autobiografie hielt sich über drei Jahre in den Bestsellerlisten und wurde zu einem der größten Erfolge in der Geschichte des deutschen Buchhandels. Anna Wimschneider (1919–1993) erzählt in ihrem Buch von den harten Lebensbedingungen als bayerische Bauerntochter und spätere Bäuerin auf dem Hof, in den sie hineinheiratete. Der Leser erhält Einblick in das familiäre Umfeld der Autorin, ihrer bäuerlichen Arbeitswelt und einer Gesellschaft, die ein penibel getaktetes Leben führte. Erinnerungen über Liebe, Tod, Religion, Bräuche, Pflichten, Sexualität, Ge- und Verbote fließen als naturgegebener Lauf des Lebens ineinander über.

Bereits mit 8 Jahren wurden ihr Aufgaben einer Erwachsenen auf dem väterlichen Bauernhof übertragen, da die Mutter, nicht einmal vierzigjährig, im Kindbett verstarb (acht Kinder hatte sie da schon auf die Welt gebracht). Alle Hausarbeiten nebst der Versorgung der kleineren Geschwister musste von jetzt auf gleich gelernt werden, wofür die Nachbarsfrauen zum Anlernen auf dem Hof kamen. Mit neun Jahren konnte sie schon allerlei Gerichte zubereiten. Sie schreibt:

Bei der Arbeit musste ich einen Schemel mittragen, weil ich so klein war, dass ich in keinen Topf gucken konnte. Auf den Herd schauen, Schemel hin, einheizen, Schemel weg, zur Anrichte Schemel hin…“

Und wenn ihr etwas nicht ganz gelang, gab es eine „Watschn“. Die gab es ohne Unterlass für alles Mögliche, vom Vater, den älteren Brüdern, dem greisen Großvater.

Der Tag begann um fünf Uhr morgens und ihre Aufgaben waren so zahlreich, dass sie erst zur ersten Pause in der Schule eintraf. Mit den anderen Kindern mitspielen durfte sie aber nicht, da sie keinen Schlüpfer trug. Alle Kinder lachten sie aus, da sie stattdessen Arbeiten verrichten musste. Die einfache Sprache der Autorin, der Plauderton, in dem Situationen beschrieben werden, macht es einem leicht, ihrer Lebensgeschichte zu folgen.

Teils wähnt man sich durchs Schlüsselloch schauend, dann ist man wiederum in einer Situation mittendrin. Beim „Fensterln“ beispielsweise, oder wenn sie von der Unterweisung berichtet. Dass der eheliche Verkehr „naturgemäß“ zu vollziehen sei, da die Eheleute im Dienste des Schöpfers stünden. Eine Verhaltensmaßnahme, die auch unter Beobachtung stand, wurde bei der Beichte das Alter des jüngsten Kindes abgefragt, um festzustellen, ob der Kindersegen verhindert wurde und die Eheleute Todsünde begangen hätten.

Bewegendes, Grausiges, Erstaunliches und Groteskes werden wie selbstverständlich aneinandergereiht. So auch die Schilderung, als das Ochsengespann beim Pflügen mit ihr durchging. In der Feldarbeit war sie gänzlich unerfahren, doch die Arbeit musste getan werden, denn ihr Ehemann war zum Kriegsdienst eingezogen worden. Von der angeheirateten Familie war keine Hilfe zu erwarten, da sie größtenteils aus älteren Leuten bestand.

Hinter mir der Pflug, der mich unweigerlich erfasst und schwer verletzt hätte, wenn ich losgekommen wäre.

Aber nun ergriff mich ein wilder Zorn, und ich zwang die Ochsen zur Arbeit, Feld auf, Feld ab, bis ihnen die Zunge heraushing. Auch als schon Feierabendzeit war, hörte ich nicht auf, bis alle Furchen geackert waren. Als wir endlich heimkamen, erschraken doch alle sehr, wie ich aussah. Sie konnten nicht verstehen, dass ich nicht aufgegeben hatte.

Onkel Albert sagte; der Pflug geht gut und die Ochsen gehen gut, wenn etwas fehlt, bist du schuld!“

Da war sie 20 Jahre, wog 50 Kilogramm und war im achten Monat schwanger.

Aus heutiger Sicht erscheint einem vieles unerträglich. Dank der lakonischen Erzählweise aber, die die Ereignisse weder kommentieren noch werten, wie auch dem pfiffigen Charme, der hie und da durch die Zeilen durchblinzelt, wiegt die Lektüre weniger schwer. Der Text ist an keiner Stelle anklagend. Fast mag man Milde walten lassen gegenüber der bösen Schwiegermutter und zeigt sich, wie die Autorin selbst, versöhnlich mit den Umständen. Und man freut sich mit ihr über die glückliche Ehe, die sie führen konnte und den zufriedenen Lebensabend, der ihr trotz der vielen Nöte, Leid und Tränen beschieden war.

Ihre handschriftlichen Aufzeichnungen waren nicht für die Öffentlichkeit gedacht, als Anna Wimschneider sie niederschrieb. Sie gelangten durch Zufall an den Piper-Verlag, der Mühe hatte, die Autorin von einem Buchprojekt zu überzeugen. Eine Freude für Geschichtsinteressierte, dass das Buch immer noch verlegt wird. Und ein Glück, dadurch einer Frau begegnen zu können, die aufrecht stehend und unerschütterlich ihr Leben bewältigte.

Anna Wimschneiders Biografie ist über die Sparte der Heimatgeschichten hinaus ein derart berührendes Zeitzeugnis, dass sie 1988 verfilmt wurde. Über die bekannten Internetkanäle sind einige Interviews der Autorin verfügbar.

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